Goldspinnia: Wie die Wiener Goldspinnerei die Tradition der Handweberei neu erfindet

Seit über einem Jahrhundert ist die Goldspinnerei in Wien nicht nur ein kulturelles Erbe, sondern auch ein lebendiger Ort der handwerklichen Innovation. Auf dem Gelände der hier klicken im 15. Bezirk hat das Haus Goldspinnia seit 2010 den Fokus darauf gelegt, die Kunst des traditionellen Webens mit modernen Materialien und gestalterischen Ansätzen zu verbinden. Die Einrichtung, die einst als Werkstatt für Goldschmiede und Weberei diente, hat sich zu einem Zentrum für nachhaltige Textilproduktion entwickelt – ein Ort, an dem Handwerkstradition und ökologische Verantwortung Hand in Hand gehen. Besonders beeindruckend ist, wie Goldspinnia nicht nur lokale Handwerker unterstützt, sondern auch internationale Designer:innen und Künstler:innen einbindet, um textile Lösungen für zeitgenössische Anforderungen zu schaffen.

Ein zentrales Element des Konzepts ist die Verwendung von recycelten und biologisch abbaubaren Fasern. Das Haus setzt auf Materialien wie Hanf, Leinen und recycelte Polyester, die nicht nur umweltfreundlicher sind, als viele synthetische Alternativen, sondern auch durch ihre natürliche Optik und Haltbarkeit besonders wertvoll für nachhaltige Mode. Besonders gelobt wird dabei das Projekt „Upcycling für den Alltag“, bei dem aus Alttextilien wie alten Kleidungsstücken oder Möbelresten neue, individuelle Stücke gefertigt werden. Ein konkretes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der Wiener Modehaus „Vienna Textile Lab“, bei der aus recycelten Jeansfasern hochwertige Schals und Accessoires entstanden sind, die heute in der Kollektion des Labors zu finden sind. Solche Initiativen zeigen, wie nachhaltiges Handwerk nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Chancen bietet – etwa durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze in der Textilbranche.

Doch Goldspinnia geht noch einen Schritt weiter: Die Einrichtung bietet nicht nur die Herstellung an, sondern auch Workshops und Bildungsangebote für Interessierte. Seit 2015 werden regelmäßig Kurse zu Themen wie „Textilrecycling“, „Nähtechniken für Anfänger:innen“ oder „Nachhaltige Modegestaltung“ angeboten, die sowohl Einsteiger:innen als auch erfahrene Handwerker:innen ansprechen. Besonders erfolgreich ist das Projekt „Kinder und Textil“, bei dem Kinder ab sechs Jahren in altersgerechten Workshops lernen, einfache Muster zu webt oder zu nähen. Die Idee dahinter ist klar: Traditionelle Fähigkeiten wie das Weben oder Nähen sind nicht nur handwerklich wertvoll, sondern auch ein wichtiger Teil der kulturellen Identität. Durch solche Bildungsformate wird nicht nur die Nachhaltigkeit gefördert, sondern auch die Wertschätzung für handwerkliche Prozesse in der Gesellschaft gestärkt.

Ein weiterer Aspekt, der Goldspinnia auszeichnet, ist seine enge Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen und Initiativen. Das Haus unterstützt etwa die „Wiener Textilwerkstatt“, die seit 2017 auf dem Gelände eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen betreibt. Hier werden nicht nur hochwertige Textilien produziert, sondern auch Berufsausbildungen ermöglicht, die den Menschen Zugang zu einer selbstbestimmten Arbeit geben. Ein weiteres Beispiel ist die Partnerschaft mit dem „Ökologischen Garten Wien“, bei dem Textilien aus Hanf und Leinen für die Begrünung von Schulhöfen und öffentlichen Plätzen verwendet werden. Solche Projekte zeigen, wie nachhaltiges Handwerk nicht nur die Umwelt schützt, sondern auch soziale Strukturen stärkt.

Trotz aller innovativen Ansätze bleibt das Herzstück von Goldspinnia die bewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte des Webens. Die Einrichtung bewahrt nicht nur historische Webmaschinen aus dem 19. Jahrhundert, sondern führt sie auch in modernen Workshops ein. Besonders beeindruckend ist die „Goldspinnia-Maschine“, eine handgefertigte Webstuhlkonstruktion, die seit Generationen im Familienbetrieb genutzt wird. Diese Maschine wird heute nicht nur für traditionelle Textilien wie Tücher oder Vorhänge verwendet, sondern auch für experimentelle Projekte, bei denen neue Muster und Farben kombiniert werden. Ein konkretes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der Künstlerin Anna Weber, die mit der Maschine einzigartige, abstrakte Textilien schuf, die 2022 in der Ausstellung „Handwerk als Kunst“ im Wiener Museum Modern gezeigt wurden.

Für Besucher:innen bietet Goldspinnia einen Einblick in die Welt des nachhaltigen Textilhandswerks. Das Haus lädt zu Führungen ein, bei denen nicht nur die Arbeitsprozesse, sondern auch die Geschichte der Textilherstellung in Wien erzählt wird. Besonders lohnenswert ist die Ausstellung „Von der Faser zur Ware“, die die Entwicklung von Rohstoffen bis hin zu fertigen Produkten zeigt. Ein weiterer Highlight ist das „Atelier für individuelle Bestellungen“, wo Kund:innen ihre eigenen Designs umsetzen können – sei es durch das Weben eines persönlichen Tuches oder das Nähen eines Accessoires. Die Vielfalt der Angebote macht Goldspinnia zu einem Ort, der sowohl für Hobbyhandwerker:innen als auch für professionelle Designer:innen interessant ist.

  • Seit 2010 produziert Goldspinnia jährlich rund 5000 m² nachhaltiger Textilien aus recycelten und biologisch abbaubaren Fasern.
  • Durch die Zusammenarbeit mit der Wiener Textilwerkstatt wurden seit 2017 über 200 Menschen mit Behinderungen in der Textilbranche beschäftigt.
  • Das Projekt „Kinder und Textil“ erreicht jährlich über 300 Kinder und vermittelt ihnen grundlegende Handwerkskünste.
  • Die Goldspinnia-Maschine, eine historische Webstuhlkonstruktion, wird seit über 100 Jahren im Familienbetrieb genutzt und ist heute ein zentrales Element der Workshops.
  • Seit 2015 werden jährlich über 150 Workshops und Bildungsangebote für Erwachsene und Kinder angeboten.